Flohmarkt in Camberwell
Und der beste Flohmarkt in Melbourne ist halt der Camberwell Sunday Market , der Sonntags Markt. Seit 1976 besteht er. Er ist jeden Sonntag geöffnet, außer dem Sonntag vor Weihnachten oder wenn Weihnachten oder Anzac Day auf einen Sonntag fällt. Über acht Millionen Dollar haben die freiwilligen Mitglieder des Rotary Clubs Balwyn, die den Markt organisieren, schon für wohltätige Zwecke gesammelt – und doch besteht der Eintritt nur aus einer „gold coin donation“! Bis zu 400 Stände bieten hier alles, was man sich nur wünschen kann – und wenn man es diese Woche nicht findet, dann bestimmt die nächste oder auf jeden Fall die darauf ...
Und nicht nur die Camberweller sind am Sonntagmorgen hier – die hartnäckigsten Schnäppchenjäger treffen schon um 5 Uhr morgens ein – sondern von allen Richtungen kommen die Besucher. Und nicht nur aus allen Ecken Melbournes sondern aus ganz Victoria und sogar von „interstate“, aus Sydney oder Brisbane, Adelaide und Canberra ... Familien kommen, Yuppies, Alleinstehende, Jung und Alt - durchgestylte Damen und Herren, punkige Mädels oder saloppe Guys in zerrissenen Designer Jeans, Studenten und Menschen aller Nationalitäten breiten überm Laté oder Cappucino die obskursten Gegenstände vor ihren Freunden aus. Ein italienischer Kaffeekocher aus Aluminium, das nackte Oberteil einer Schaufensterpuppe, Küchengeräte zum Kirschen entkernen oder Kartoffeln stampfen, kristallene Cognacschwenker oder Coco Chanel Kostümchen aus den 60er Jahren. Mein Lebensgefährte hat vor ein paar Wochen fast ungetragene Italienische Herrenschuhe (reines Leder) für zwanzig Dollar erwischt, und ich kenne Leute, die in der Dunkelheit, mit Taschenlampen ausgerüstet, die Kleiderständer abgrasen, denn man kann die tollsten Designerklamotten für einen Bruchteil ihres normalen Preises hier finden.
Man sollte gleich am Eingang einen Treffpunkt ausmachen, denn es ist leicht sich hier aus den Augen zu verlieren – im Gewimmel der Menschen und Stände, in dem leicht verzwickten System, in dem die Stände arrangiert sind oder einfach, weil einer in Verzückung über eine Chinesische Bodenvase gerät, während der Andere einen Karton mit Pink Floyd Schallplatten erspäht hat. Wir beginnen meistens an der oberen Ecke von der Stationstreet, wo ein ausläufiger Blumenstand frische Schnittblumen sehr günstig anbietet. Am besten ist es, gleich jetzt einen Strauß zu reservieren, und den am Schluss (der Markt schließt um 12.30 Uhr) abzuholen. Einige der Standhalter sind regelmäßig hier und nicht wegzudenken, wie die Frau, die neben Schwertlilienknollen in allen Schattierungen, alten Schmuck und antikes Porzellan feilhält. Oder Paul, der eigentlich nur am griechischen Osterfest fehlt, und der gut erhaltenes Werkzeug, Küchengeräte und Radios u.v.m. feilhält. Ein Anziehungspunkt für jeden, der werkelt. Dazwischen verteilt sind die „casuals“, die, die lange im voraus gebucht haben, um einen Stand zu ergattern, der ihnen ermöglicht, ein für alle Mal ihr Haus von Unerwünschtem zu befreien. Herrliche Sachen findet man hier: alle die Romane, die man immer schon hat lesen wollen, Babykleidung, Fußballkarten, Möbelstücke und ganz normale Haushaltsgeräte, wie Plastikabfalleimer oder Besteck aus rostfreiem Stahl.
„Brauchst du einen Kühler? Original 1930 Model?“ ruft ein Standhalter, der unter der Woche in Schlipps und Anzug als Steuerberater agiert, am Sonntag aber nicht vom Markt wegzudenken ist. „Oh ja,“ freut sich der Kunde. „Jetzt brauch ich nur noch die anderen Teile und ich kann mir einen Ford Phaeton nachbauen!“ An der nächsten Ecke teilen James und Fred einen Stand mit Kurios und Antiquitäten. Fred hat lauter kleine Sachen: silberne Fingerhüte, winzige Porzellanfigürchen, Zinnkrüge, die in einen Druckerkasten passen. Da ist die Frau, die Kakteen züchtet; die Studenten, die ihre Textbücher und Computerbestandteile billig abgeben, weil sie ihre letzten Prüfungen bestanden haben, und die Seifenfrau. Sie und ihr Mann fertigen alle Seifen und Cremes selbst an, alles 100% natürlich und ohne Chemie und zehn Stücke für nur fünf Dollar! Ein schäbiger Holzzaun strotzt von alten Gemälden – alle echt. Nun gut, manchmal ist der Rahmen mehr wert, als das Bild, aber wer will beschwören, dass sich hier nicht ein alter Meister verbirgt? Und weiter geht es: Kinderspielzeug, flauschige Hundebetten, herrliche Pashminas. Duftet es hier nicht nach ... richtig! „Donuts“ und „Vegieburgers“ locken die ersten Hungrigen, Pommies und Kartoffelpfannkuchen, oder wenn man es noch ein bisschen aushalten kann, dann steht der Wagen mit den Gourmetwürstchen gleich um die Ecke. Schönes und Schreckliches findet man hier – für jeden Geschmack ist was dabei, aber Vorsicht, der Camberwell Markt macht süchtig! Gegenüber vom Car Park Café mit der gelben Markise hält Albie einen Ausverkauf: vier Teile für zehn Dollar! Unsere Freunde haben zugeschlagen! Ein gravierter Wandteller, dessen Versilberung man nur noch ahnen kann; eine mundgeblasene Vase, in dem Grün, das typisch war für die zwanziger Jahre; eine geschwungene Keramikschüssel, Marke Carlton Ware (rosa mit Goldrand) und eine getöpferte Platte, die mich mit Schrecken an meine ersten Ehejahre erinnert: Diese Mischung von Braun und Orange fanden wir damals schön?? „Siebziger Jahre“, sagt unser Bekannter entschuldigend, „Unsere Tochter sammelt das! Ist es nicht häßlich?“ Ja.
Eine andere Bekannte sieht uns und erzählt strahlend, dass sie bei Albie drei „echte“ Hutschenreuther Teller erwischt hat. Sie trägt sie sofort zu ihrer Freundin, die gerade ihr Café umdekoriert. Ich zeige das Kaffeeservice, das ich erstanden habe, etwas beschämt, denn es ist schon mein drittes Service. Aber wie konnte ich wiederstehen: Vier Tassen, Untertassen, Kuchenteller und eine Kuchenplatte, mit dem entzückendsten blauen Blümchenmuster. Und ich konnte den Preis von dreißig auf fünfundzwanzig Doller herunterhandeln! Und mein Lebensgefährte hat ein Sterlingsilber Souvernirlöffel von Brüssel entdeckt, der seine Sammlung von Souvenirlöffeln ergänzt. Apropos sammeln: Der Camberwell Markt ist ein Paradies für Sammler! Und wer noch nicht sammelt, fängt hier garantiert an. Teile für die Märklin Eisenbahn, die auf dem Boden auf neue Enthusiasten wartet. Uranium- oder Rezessionsglas. Bemalte Blechbüchsen. Amerikanische Zippo Feuerzeuge. Ich habe alle vierundsiebzig Agatha Christie Krimis mit Geduld aufgespürt. Jetzt erwäge ich, meine Sammlung zu durchforsten und aufzubessern: demnächst will ich nur noch Original Paperbackausgaben in meinem Bücherbord (natürlich vom Camberwell Markt) sehen. Selten verlässt man den Markt unbeladen. Ideal ist er, sucht man ein Geburtstagsgeschenk – den zierlichen handgearbeiteten Schmuck für meine Nichte oder lieber das Briefpapier? Die gehäkelte Brosche oder die Bromeliad, diese seltsam attraktive Topfblume mit Blättern, die denen der Ananas ähneln. Etwas Gestricktes aus Nepal oder den bestickten Fußhocker? Auf jeden Fall nehme ich mir ein Töpfchen Primeln mit, und die Petersilie ist uns auch eingegangen. Und bei Steve steht immer noch das Filigrankörbchen, das sich so hübsch für Kekschen eignetm mit dem ich liebäugel. Irene hat neue Stücke von Clarice Cliff, dem berühmten Englischen Töpfer ...
Viele der Händler kennt man bei Namen oder weil man sie halt jede Woche sieht. Freundschaften entwickeln sich. Da steht Chris, dessen Hund letzte Woche entlaufen ist. Ein Glück ist er von selbst nach Hause gekommen. Der Mann mit den ausgefallenen Antiquitäten, die er in einer Glasvitrine ausstellt - seine Mutter hat sich im Altenheim gut eingelebt. Leo, der immer wieder unsere Schmuckreparaturen vornimmt, geduldig Halsketten und Armbänder repariert und mit seinen Jungen tolle Campingreisen unternimmt. Lydia, deren Kinder in aller Welt verstreut leben und sich nur selten bei der Mutter melden. Die Frau, dessen Zwergspitz in unsere großen Pudel verliebt war und sie immer freudig begrüßte, bis er an Altersschwäche starb. Stolz trägt sie einen winzigen Welpen in einem Hundekörbchen über den Markt. Der Neue ist sogar ein entfernter Verwandter des Verstorbenen.
Nicht so leicht zu ersetzen sind die Menschen, die zum Markt gehörten. Wie Michel, dieser wunderbare Belgier mit dem herrlichen Akzent, der wirklich alles über Antiquitäten wusste, und der plötzlich seinem Magenkrebs erlag. Oder der Musiker, Neil Whitford, der uns jahrelang mit seinem Saxophon betörte, und an den nun eine Messingplatte erinnert. Einmal findet eine Trauung auf dem Markt statt: Das junge Paar hat sich hier kennengelernt! Regelmäßig suchen Gerüchte den Markt heim: Er soll geschlossen werden, die Stadtverwaltung will den Parkplatz verkaufen, noch ein Einkaufszentrum soll hier entstehen, ein Seniorenheim, ein Luxushotel ... aber der Markt überlebt. Nicht zuletzt, weil sich Persönlichkeiten wie der Schauspieler Geoffrey Rush und Dame Edna ... ääh Barry Humphries (ein australischer Komiker und Verwandlungskünstler) sich für ihn einsetzen.
Ramsch und Kostbarkeiten, Kitsch und Uriges, Einmaliges und Alltägliches; was dem einen unnütz, ist dem anderen sein Schatz! Der „Rotary Sunday Market Camberwell“ ist leicht zu erreichen: Von Flinders Street mit der Straßenbahn Nummer 70 oder 75, von der Swanston Street mit der Nummer 72 oder mit dem Zug zur Camberwell Station. Wenn Ihr mit dem Auto kommt, sucht mal die Camberwell Junction, wo Burke, Camberwell und Riversdale Road aufeinanderstoßen. Lauft ein kleines Stückchen die Burke Road entlang, in nordöstlicher Richtung, und geht durch eine der Passagen die Euch hinter die Geschäfte führen. Der riesige Parkplatz dient am Sonntag den Flohmärktlern. Und keine Angst, parken kann man trotzdem noch, parallel zur Burke Road, an der Station Street. Und um halb eins, wenn der Markt schließt, findet man immer noch ein Plätzchen in einem der zahlreichen Café - Stärkung ist nötig, bevor man seine Schätze nach Hause trägt. Und wenn Euch mal nicht nach Einkaufen zu Mute ist, dann kommt einfach, um die Atmosphäre zu bestaunen und die vielen Straßenmusikanten anzuhören! Für mehr Information oder wenn Ihr einen Stand buchen möchtet, besucht mal die Homepage www.sundaymarket.com.au
Sabine Nielsen ist die Autorin der "Föhrer Familiensaga" - "cold cases" von der Insel Föhr.
Sabine Nielsen
PO Box 8036
Armadale VIC 3143
AUSTRALIA
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www.autor-sabinenielsen.com
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