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Labskaus, Seemannsgarn und De Pastor sin Koh

Labskaus, Seemannsgarn und De Pastor sin Koh

Wie die Norddeutschen in Melbourne Jubiläen feiern und ihre Traditionenwachhalten - von Sabine Nielsen

labskausNur weil ein paar tausend Seemeilen zwischen Deutschland und Australien liegen, bedeutet das nicht, dass man die heimatlichen Rituale hier vernachlässigt – oder die Heimat gar vergisst! Und wenn ein Jubiläum ansteht wie „77 Jahre seit dem Besuch des Leichten Kreuzers Köln in Melbourne", nun, dann ist das ein Anlass zu feiern.

Eigentlich begann es in Sydney. Da tat eine Gruppe der deutschen Heimat-Gedenkenden sich zusammen: Mindestens einmal im Jahr wollten sie genau wie zu Hause Grünkohl genießen. Nun, was die in Sydney können, können wir in Melbourneschon lange! Nach einem kurzen Palaver tat sich ein Organisationskommittee zusammen. Angeführt von den Hamburgern Jens und Linde Mohr und demVegesacker und Wahl-Amrumer Carsten Johow und seiner Frau Kazue wurden Pläne geschmiedet. Der etwas anderen Jahreszeiten und Wetterbedingungen wegen, ist es nicht ganz so einfach, in Australien an frischen Grünkohl zu gelangen – allerdings, es ist nicht unmöglich. Man muss nur scharf aufpassen: Grünkohl gibt es auch hier, aber nur in den zwei kältesten Monaten, also im Juni oder Juli. Vielleicht für zwei Wochen kann man es auf dem Wochenmarkt erstehen, selten trifft es in den normalen Gemüsehandlungen ein. Im März, dem Monat, der für unsere norddeutsche Zusammenkunft geplant war, gibt es Grünkohl höchstens aus der Dose. Also mussten wir uns ein anderes Nationalgericht suchen – etwas, was zur Nordseeküste und zur Seemannstradition passte und gleichzeitig an den Besuch des Leichten Kreuzers Köln in der Port Philipp Bay von Melbourne im Jahre 1933 erinnerte. (Die„Köln" unter Kapitän Hans Fuchs befand sich auf einer Reise um die Welt.) Um dies gebührlich zu feiern, entschieden sich die norddeutschen Melbourner für ein Labskausessen! Etwas weniger gewählt zelebriert Ben Hardy in seinem Gedicht „Labskaus und Meeresrauschen" denselbsen Gedanken:

Des Traditionsgedanken wegen
setzt man an Land die Sitte fort,
bei Labskaus Seemannsbrauch zu pflegen
Gedenktag für den Fraß an Bord!

Das Rezept für dieses hausmännische Mahl zu finden, war gar nicht schwer, im Internet steht alles. Allerdings stammten die Angaben vom „Größten Labskaus Essen der Welt" – welches 10.000 Menschen beköstigte. Aber auch dem konnte man entgegenkommen – mit Hilfe des Taschenrechners ließen sich die Mengenangaben auf 40 Teilnehmer reduzieren! Von den Nöten und Qualen der Kartoffelschäler, Pökelfleischkocher, Dosenöffner (Rollmöpse), Glasaufdreher (Rote Bete, Saure Gurken) und Spiegeleibrater merkten wir wenig, als wir uns an einem milden Melbourner Herbstabend in einem Saal trafen, die mit seinen dunkel-getäfelten Wänden und schummriger Beleuchtung tatsächlich an den Salon eines gediegenen Dampfers (oder Leichten Kreuzers) erinnerte.Und so klangen uns auch herrliche heimatliche Töne entgegen: Mit Detmar Droege an der Gitarre und George Udovenya am Schifferklavier fühlten wir uns versetzt in eine Hafenspelunke oder einen Heimatabend. Die Wärme im Raum förderte die Gemütlichkeit. Der ungehemmte Gebrauch der deutschen Sprache (ohne Rücksicht auf  Englischsprecher nehmen zu müssen) und die klaren norddeutschen Töne lösten eine entspannte Nostalgie aus.

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Schnell erinnerten wir uns, dass auch wir einst einen „Hamborger Veermaster" gesehen hatten, und hatten wir uns nicht ähnlich wie „de Lüüd för dat Schipp" von unseren Träumen und Sehnsüchten, unserem Fernweh „schanghaien" lassen, um so weit fort zu ziehen? Innbrünstig forderten wir die „Kleine Möwe" auf, doch noch einmal mit einem Gruß „nach Helgoland" zu fliegen, denn das Heimweh klopft immer wieder an, in den verborgenen Ecken unserer Herzen. Richtig rührselig wurde es, als die „Nordseewellen" eingestimmt wurden.Wie konnten wir je das Sturmgebraus vergessen, unser schönes grünes Marschland, die Strände und die Deiche verlassen? Manch ein Auge schimmerte nun feucht – oder waren es erwartungsvolle Freudentränen? Denn nun wurden dampfende Schüsseln mit rosarotem Labskaus aufgetragen!

Gesichter glänzen, Schüsseln dampfen,
Labskaus soweit das Auge reicht,
die Luft vibriert vom dumpfen Mampfen,
das fernem Meeresrauschen gleicht

Ich muss gestehen, ich hatte Labskaus seit meiner Kindheit auf Föhr nicht mehr gegessen. Damals war es seines gewissen strengen Geschmackes wegen nicht eines meiner Lieblingsgerichte! Jedoch, was die Jahre – und die Entfernung zur Heimat – nicht ausmachen! Das Labskaus schmeckte köstlich! Das Mus war leicht und locker, die Farbe äußerst ansprechend, die Gurken knackten in den Zähnen, die Rote Bete kühlte die Zunge, das Spiegelei krönte das Mahl und der salzige Hering schmeckte wie die Nordseeluft! Und nicht lumpen ließen sich die Köche, es durfte reichlich nachgeschlagen werden!

Knöpfe zerspringen, Nähte krachen
vom Labskaus wird noch nachgereicht,
denn keiner wagt es schlapp zu machen.
Ein Hundsfott, wer die Segel streicht!

Groß war der Jubel, als das Mahl mit einem eisgekühlten Schnapps gekrönt wurde. Nach einem weiteren Lied – „Einmal noch nach Rio" wollten wir, „einmal nach Shanghai", um dann endlich wieder sicher in Hamburg Altona anzulegen

Dim lights Embed Embed this video on your site – begann der erzählerische Teil des Abends. Ben Hardys herrliches Gedicht wurde nun in seiner Länge und Breite vorgetragen. Die Zeilen:

Leben sie auch im Binnenlande
Und ist die Seefahrt längst vorbei
Nichts kleistert Kameradschaftsbande
So dauerhaft wie Labskausbrei

erfreuten sich großer Zustimmung, denn inzwischen waren auch die, die aus den südlicheren Bundesländern geladen waren, zu überzeugten Labskausessern avanciert.Im Sinne der Zeile des Gedichtes: „Dabei wird Seemannsgarn gesponnen",durfte ich nun eine Geschichte vortragen. Als Vorbedingung war mir gesagt worden: „Lustig soll es sein." Nun, ich hatte keine Schwierigkeiten, mich für eine Geschichte zu entscheiden. In Erinnerung an meinen Onkel, Gerhard Bohde, und das hundertjährige Jubiläum meiner Heimatstadt Wyk, las ich aus seinen Föhrer Jugenderinnerungen: „Kaptein un een Lüüd". Darin berichtet Onkel Gerhard von seinen wunderbaren Abenteuern als „een Lüüd" –Steuermann, Maschinist, Stauer, Moses und Smutje in einer Person – auf dem Klütenewer „Hermine". Die Geschichte „De Smutje", in der meines Onkels hindernissreichen Lehrstunden in der Kombüse der „Hermine" beschrieben werden, fand großen Beifall. Nicht die Kartoffeln fürs Labkaus bereiteten ihm sorgenvolle Stunden, sondern der Reis für die Reissuppe. „Du maakst den Pott halv vull Water, deist dor Solt to; een poor Wuddeln; fief oder söß Kantüffeln un een dicke Zwiebel.Denn deist du dat Fleesch rin – een Iesbeen und dat Stück Querripp – un tolesd een Tass Ries", hatte der Kaptein dem Smutje befohlen. Doch eine Tasse sah nun nach rein gar nichts aus, in einem großen Pott voll Suppe. Also schüttete er erst eine zweite, dann eine dritte Tasse Reis dazu. Das Ergebnis kann man sich vorstellen: Der Reis quoll und quoll und die Suppe wurde „stampendick". Und zum Schluss, nach mehreren „düchtigen Swupps Water" schwappte Reissuppe auch im zweiten Pott, in der Bratpfanne, im Bratenpott und gar in der Milchkanne. „Wat hest du mit den Ries maakt? De smeckt ja nich na em un nich na ehr! Dat frät man alleen", schimpfte der vergrellte Kaptein. Zum Schluss aber kriegte der Smutje den Bogen raus und erntete das Lob des Kapteins, als er nämlich eine versalzene Bratensoße glorreich mit einer Tasse Zucker versetzte und seinem Kaptein den besten Braten jemals servierte. „So'n feinen Braden heff ick mein'n Levdag noch nich eten!" reep he denn.

Und wir? Für „Braden" schreib „Labskaus" und wir konnten nur zustimmen.Vom Rinderbraten in der Geschichte fanden wir schnell den Weg zu „Herrn Pastor sin Koh", das sangen wir „man to", in allen seinen Strophen! Zum Abschluss gab es dann, wie kann es anders sein, wenn in Melbourne der Sommer reichlich Frucht getragen hat, Rote Grütze. Und nicht nur wir Norddeutschen (inklusive einer Föhrerin und einem Amrumer!) und unsere Gäste von südlich der Elbe waren begeistert. Den Stempel allerhöchster Zustimmung drückte unsere Deutsche General-Konsulin in Melbourne dem Abend auf. Frau Dr. Anne-Marie Schleich, eine geborene Saarländerin, die mit ihrem Gatten an unserem Abend teilnahm, schloss sich der allgemeinen Begeisterung an und trug selbst mit einer kleinen Rede bei. Sie hatte sogar eigenhändig einige Recherchen zum Namen „Labskaus" erstellt, die alle erstaunten. Das Wort Labskaus ist womöglich von einem sehr alten, englischen Wort, "loblolly", abgeleitet, wobei „lob" blubbern bedeutet!

Die neu geborene Tradition eines regionalen Essens soll nun fortgeführt werden. Ein weiteres Bundesland soll sich kulinarisch und unterhaltungsmäßig vorstellen. Aber wir Norddeutschen sind heimlich überzeugt: So schön wie bei uns wird's gewiss nicht schmecken – und was die Stimmung betrifft: wer kann uns da das Wasserreichen!

Sabine Nielsen in Melbourne

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Sabine Nielsen ist 1952 in Wyk auf Föhr geboren, 1972 nach Australien ausgewandert und die Autorin dreier Romane*, die nicht nur auf Föhr spielen, sondern unter anderem auch die heimische Küche feiern. Sie las aus „Kaptein uneen Lüüd" von Gerhard Bohde, dem niederdeutschen Dichter, Erzähler und Dramaturgen, der, in Wyk auf Föhr geboren, als der Autor von Theaterstücken wie „Smuggelbröder" und „Hallighexen" (aufgeführt u.a. im Ohnsorg Theater, Hamburg) bekannt ist.

Gerhard Bohde verstarb am 2. März 2010 in Wildeshausen, Landkreis Oldenburg.

* Ebbe, Flut und Tod (2007); Die Frau des Marschbauern (2008);
Die Stimmen derVilla Blanke Hans (2009) im Schardt Verlag, Oldenburg

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Sabine Nielsen
PO Box 8036
Armadale VIC 3143
AUSTRALIA

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www.autor-sabinenielsen.com

 


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